Tsitsi Dangarembga

Tsitsi Dangarembga gilt als eine der radikalsten weiblichen Stimmen des afrikanischen Kontinents. Als Bestsellerautorin, Filmemacherin und Aktivistin appelliert die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels an die Gesellschaft: „Investiert in die Kultur“!

Tsitsi Dangarembga zählt zu den wichtigsten Stimmen Afrikas. Für Frieden, Demokratie und Frauenrechte kämpft sie seit 30 Jahren – nicht nur in Simbabwe. Streitbar als Bürgerin, einfühlsam als Filmemacherin und Schriftstellerin, die den Fokus ihrer Arbeit auf die Frauen richtet. „Immer wieder werden Frauen zum Schweigen gebracht. Nicht nur in Afrika. Weshalb die Welt auch ist, wie sie ist“, meinte Tsitsi Dangarembga in einem Interview. Sie ist angetreten, um Frauen Raum zu geben, sich in ihren Filmen wie auch in ihren preisgekrönten Romanen zu artikulieren. Das ist ihr wichtigstes Anliegen – und bleibt es auch, solange es ihr notwendig erscheint.

Vor drei Jahren erhielt Tsitsi Dangarembga den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Aber ihr Status als renommierte Künstlerin hat sie nicht der simbabwischen Realität enthoben. Während sie in Deutschland die Auszeichnung  entgegen nahm, stand sie im eigenen Land vor Gericht, weil sie - ungenehmigt - gegen Korruption und für Reformen demonstriert hatte.

 

Werdegang

Tsitsi Dangarembga wurde am 14. Februar 1959 in Mutoko, in heutigen Nordosten von Simbabwe, geboren. 1961 zog die Familie nach England, um vier Jahre später wieder in das damalige Rhodesien zurückzukehren. Nach ihrem Abitur im heutigen Harare studiert sie in Cambridge Medizin, um drei Jahre später erneut in Simbabwe, dem 1980 seine offizielle Unabhängigkeit verliehen wurde, Fuß zu fassen, ohne das Medizinstudium beendet zu haben. In Harare studiert sie Psychologie, schreibt ihre ersten Theaterstücke („Lost of the Soil“ 1983 und „She No Longer Weeps“ 1987) und Kurzgeschichten. 1984 beendet sie ihren ersten Roman, „Nervous Conditions“ (deutsch "Aufbrechen"), der, nachdem er in Simbabwe nicht veröffentlicht wurde, 1988 in England verlegt und später von der BBC in die Liste der 100 wichtigsten Bücher, die die Welt geprägt haben, aufgenommen wurde.

An der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) studierte Tsitsi Dangarembga 1989-1996 Filmregie und produzierte Filme in Deutschland. Mit ihrem Mann Olaf Koschke gründete sie parallel 1992 in Harare eine Filmproduktionsfirma, die sie bis heute leitet. Der Film „Neria“, für den sie 1993 das Drehbuch schrieb, zählt bis heute zu den beliebtesten Filmen in Simbabwe. 2002 gründete sie in Harare das International Images Film Festival for Women. Mit vielfältigen Aktionen und als Initiatorin des Institute of Creative Arts for Progress in Africa unterstützt sie vor allem Frauen beim Aufbau ihrer Karrieren in der Kreativwirtschaft.

In Simbabwe wurde ist sie als Aktivistin angeklagt, weil sie gegen Korruption und für Reformen protestierte. Zu ihrem Freiheitsbegriff gehört auch die Redefreiheit, ohne die sich kein Weg in die Demokratie beschreiten lässt.

Tsitsi Dangarembga lebt mit ihrem Mann und drei erwachsenen Kindern in Harare.

 

Nervous Conditions/The Book of Not/This Mournable Body

Die vorliegende Trilogie entstand in den Jahren 1988 – 2018.

  • „Nervous Conditions“ erschien 1988 in England, in der deutschen Übersetzung unter dem Titel “Der Preis der Freiheit“ 1991 und unter dem neuen Titel “Aufbrechen“ 2019.
  • „The Book of Not“ folgte 18 Jahre später 2006, auf Deutsch unter dem Titel  “Verleugnen“ 2022.
  • „This Mournable Body“ erschien weitere zwölf Jahre später 2018 und erschien 2021 in der deutschen Übersetzung unter dem Titel “Überleben“.

 

Der zweite und der dritte Teil der Trilogie sind auf Deutsch in umgekehrter Reihenfolge publiziert worden.

 

Es empfiehlt sich, die Lektüre von Tsitsi Dangarembgas Roman-Trilogie um die Hauptfigur Tambudzai chronologisch mit „Aufbrechen“ („Nervous Conditions“) zu beginnen.

Tambudzai, genannt Tambu, ist ein Mädchen aus einem simbabwischen Dorf, das nur zufällig eine höhere Schulbildung erhielt, weil ihr Bruder starb. Sie ist, wie die ganze Familie und Gesellschaft, vom Unabhängigkeitskrieg geprägt, in dem unter anderem ihre Schwester ein Bein verlor.

Tambu lebt in ärmlichen Verhältnissen auf einer Farm im damaligen Rhodesien. Der Vater ist ein Taugenichts, die Mutter eine körperlich hart arbeitende Frau. Da sie nie die Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen, ist sie fest entschlossen, dass wenigstens eines ihrer Kinder eine gute Ausbildung erhalten soll, um später die Familie finanziell unterstützen zu können. Die Wahl fällt auf Tambu, dank der Unterstützung durch ihren Onkel Babamukuru, ihrem Vorbild und Gönner. Er konnte in England studieren und repräsentiert die erste Generation der christlich-afrikanischen Elite.

Der erste Teil des Romans ist mit „Abwärts“ überschrieben - wohin Tambus Reise zunächst geht. Sie vegetiert in ihrem Zimmer vor sich hin und scheint jeglichen Ehrgeiz verloren zu haben. Dabei hatte sie sich bis zur Werbetexterin hochgearbeitet. Doch als sie kündigt, weil immer wieder weiße Männer ihre Namen unter ihre Slogans setzen, ihr ihre Erfolge bewusst nicht gönnten, erfährt sie einmal mehr: Als schwarze Frau mittleren Alters, die aus einem kleinen Dorf kommt, kämpft man in Simbabwe selbst mit guter Ausbildung ums „Überleben“.  Die Hierarchien zwischen Männern und Frauen, Kindern und Erwachsenen werden hier ebenso genau beschrieben wie Tambus Abneigung gegen Traditionen und die ihr zugedachte Rolle. Tambus Schicksal ist dabei durch doppelte Unterdrückung gekennzeichnet: Durch die patriarchalen Strukturen ihrer Familie wie durch die koloniale Dominanz der Weißen. Es folgt eine kurze Episode als Biologielehrerin, nachdem sich Tambu schließlich doch zu einer Bewerbung aufraffen konnte. Doch als die Schülerinnen sie nicht respektieren, gerät sie unter Druck. So sehr, dass sie eine Schülerin schwer verletzt und in die Psychiatrie eingewiesen wird. Auch der Ärztin gegenüber kann Tambu sich nicht öffnen:

„Du kannst ihr nicht sagen, dass sich immer alles wiederholt, dass es auch dieses Mal wie damals mit deiner Mutter war, dass du nicht anerkannt wurdest, weil es geboten war, eine andere zu bevorzugen, deine weiße Klassenkameradin. Stattdessen sprichst du vom Krieg, wie er die Nerven aller und viele Körper zerstört hat, wie Zwillinge in deiner Schule ihre Eltern verloren, deine Schwester ihr Bein und Babamukuru seine Fähigkeit zu gehen. Du sagst dir selbst, dass du nicht weinen wirst, und tust es nicht.“

„Eine strahlende Antiheldin“ hat ein amerikanischer Rezensent die Hauptfigur treffend beschrieben. Denn Tambus bedingungsloser Aufstiegswille, ihre Egozentrik, ihre Mitleidlosigkeit und ihr Zynismus sind abstoßend. Und doch ist sie eine beeindruckende Frau, die trotz vieler herber Rückschläge ihre Werte weiter verfolgt.                                                                                                                "Aufbrechen“ schildert den zähen Kampf des Mädchens Tambu um höhere Bildung und wie sie damit allmählich über das Stammes- und Dorfleben hinauswächst – zu einem enormen Preis.

Dieser Roman ist ein aufschlussreiches Porträt einer Gesellschaft, die von Kolonialismus und Patriarchat dominiert wird und deren jüngere Generation von Frauen um Selbstbestimmung kämpft. 2018 wurde der Roman in die BBC-Liste der »100 Bücher, die die Welt geprägt haben« aufgenommen.

„Viele gute, von Männern geschriebene Romane, sind in Afrika entstanden, aber wenige von schwarzen Frauen. Dies ist der Roman, auf den wir gewartet haben [...] und dieses Buch wird ein Klassiker.“  Doris Lessing

 

„Wenn du willst, dass das Leiden endet, dann musst du handeln.“ So lautet das – nicht nur literarische – Motto von Tsitsi Dangarembga.  „Verleugnen“ („The Book of Not“) ist der zweite Band der Tambudzai Trilogie. Als Simbabwe die Unabhängigkeit erlangt, beginnt die Protagonistin Tambudzai Sigauke ihr zweites Jahr am“ Young Ladies' College of the Sacred Heart“. Eine Schule, in der die Rassenkonflikte des kolonialen, vorstaatlichen Simbabwes tief verankert sind. Die Missionsschule wird von weißen Nonnen geführt, die es als Beweis ihrer Nächstenliebe sehen, dass sie schwarze Schülerinnen - fünf an der Zahl - in die Schule aufgenommen haben. Doch die Schülerinnen führen ein ungleiches Leben: So müssen die schwarzen Schülerinnen alle gemeinsam in einem Raum, der als „afrikanischer Schlafsaal“ bekannt ist, übernachten. Und obwohl Tambu die sehr ehrgeizig ist, die besten Noten ihres Jahrgangs hat, gelingt es ihr nicht, in die Ehrenliste der Schule aufgenommen zu werden – stattdessen wird der erste Platz von einem weißen Mädchen besetzt. Je mehr sie um Anerkennung buhlt, desto mehr muss sie erkennen, dass das Ziel unerreichbar ist. Folglich beginnt Tambu, sich bis ins Extreme an ihrer weißen Umgebung zu orientieren um akzeptiert zu werden und meldet sich freiwillig, um für die weißen, rhodesischen Soldaten im Kriegseinsatz zu stricken. Dabei entfremdet sie sich von ihrem Dorf, ihrer Familie und ihrer Herkunft, ihre Perspektive wird zunehmend verzerrter. „Verleugnen“ ist die Geschichte vom Schwarzsein in einer viel zu weißen Welt, auch wenn diese weiße Welt absurderweise in Afrika liegt.

Im Roman "Überleben" („This Mournable Body“) lebt Tambu in der Hauptstadt Harare arbeitslos in einem verwahrlosten Zimmer, das eine alte Witwe vermietet:

„In den ersten Tagen bei Mai Manyanga quälst du dich mit dem Gedanken, dass du nur dir selbst die Schuld für den Verlust der Stellung als Werbetexterin geben kannst. Du hättest die weißen Männer ertragen sollen, die ihren Namen unter deine Slogans und Reimpaare setzten. Du verbringst viel Zeit damit zu bedauern, dir dein eigenes Grab geschaufelt zu haben, nur weil du auf einem Prinzip beharrt hast. Dein Alter verhindert, einen anderen Job in der Branche zu finden, die Kreativabteilungen sind heutzutage von jungen Leuten mit Irokesenschnitt und Piercings in den Augenbrauen, in der Zunge und im Nabel besetzt.“

Tambudzai gibt dem Roman die Stimme, trotzdem bleibt die Erzählhaltung - inhaltlich begründet – stets distanziert. Tambu wirkt wie betäubt, gefangen in ihren Diskriminierungs-Erfahrungen,  Familiendramen und Kriegs-Traumata. Als schwarze Frau mittleren Alters vom Dorf kämpft sie in Simbabwe selbst mit guter Ausbildung ums „Überleben“. Bei jedem Versuch, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, wird sie mit neuen Demütigungen konfrontiert. Der schmerzhafte Kontrast zwischen der Zukunft, für die sie hart gearbeitet hatte und ihrer aussichtslosen Alltagsrealität, führt sie in die Verzweiflung und an einen Wendepunkt. Als sie schließlich einen vielversprechenden Job angeboten bekommt, ahnt sie noch nicht, dass dieser sie letztlich um die Würde ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft bringen wird …

Tsitsi Dangarembga geht in diesem spannenden und psychologisch aufgeladenen Roman der Frage nach, was es heißt, in einer postkolonialen Gesellschaft als schwarze gebildete Frau zu überleben – in einem Land, das jede Hoffnung verloren hat und politisch wie wirtschaftlich am Boden liegt.

Als „Frau ohne Optionen“ steht sie stellvertretend für eine ganze Generation, wenn nicht für alle Frauen, die in Simbabwe um sozialen Aufstieg, Anerkennung oder auch nur um eine geregelte Existenz kämpfen. Viele schwarze Frauen werden in dem Roman durch Neid, Korruption oder Gewalt ausgebremst. Selbst die weiße, privilegierte Chefin einer Tourismusagentur, die Tambudzai schließlich anstellt, gerät zwischen die politischen Fronten und muss um ihr Geschäft fürchten. Durch diesen Panoramablick wird „Überleben“ zu einem gleißenden Schlaglicht auf die Situation der Frauen in Simbabwe heute.

 

Schwarz und Frau – Gedanken zur postkolonialen Gesellschaft

Dieses Buch – es besteht im Wesentlichen aus drei Essays von Tsitsi Dangarembga - liefert in Form einer Sammlung von Überlegungen und Erfahrungen der Autorin wertvolles Hintergrundwissen zu ihrer Person und ihrer Literatur. Sie schreibt über die doppelte Unterdrückung, über die intersektionale Diskriminierung schwarzer Frauen, rigide patriarchale Strukturen und die anhaltende Dominanz der Weißen. Und darüber, wie die Strukturen, Auswirkungen und das Leid des Kolonialismus bis heute nachwirken. Damit spannt sie - entlang ihrer eigenen Biografie - einen großen historischen Bogen.

 

Auszeichnungen (Auswahl)

Commonwealth Writers Prize (für “Nervous Conditions”), 1989

Short Film Award ZIFF, Winner of Short Film Award Cinemaafricano Milano, Winner of Golden Dhow Zanzibar (für “Kare kare Zvako”), 2005

Gender, Equalitiy & Media Waward, Sout Africa, 2006

Winner Zanzibar International Filmfestival, 2006

Shortlist Man Booker Prize (für “This MOurnable Body”), 2020

PEN International Award for Freedom of Expression, PEN Pinter Prize, 2021

Friedenspreis des deutschen Buchhandels, 2021

Jurymitglied der Berlinale, 2022

Windham-Campbell Prize, Yale University, 2022

 

 

Bibliographie

The Third One (Schauspiel), Jahr unbekannt

Lost of the Soil (Schauspiel), 1983

The Letter (Kurzgeschichte), 1985, veröffentlicht in der Anthologie Whispering Land. An Anthology of Stories by African Women, SIDA, Stockholm 1985.

She No Longer Weeps (Schauspiel), 1987

Nervous Conditions (Roman), 1988 (erster Teil der Tambudzai-Trilogie) deutsch: Der Preis der Freiheit. Übersetzt von Ilija Trojanow. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1991; deutsch: Aufbrechen. Übersetzt von Ilija Trojanow. Orlanda, Berlin 2019 (neuer deutscher Titel)

 The Book of Not (Roman), 2006  (zweiter Teil der Tambudzai-Trilogie      deutsch: Verleugnen. Übersetzt von Anette Grube. Orlanda, Berlin 2022

This Mournable Body (Roman), 2018 dritter Teil der Tambudzai-Trilogie) deutsch: Überleben. Übersetzt von Anette Grube. Orlanda, Berlin 2021

 

 

Filme von Tsitsi Dangarembga

Neria, 1993 (Drehbuch)

Die Schönheitsverschwörung, 1994

Passport to Kill, 1994

Schwarzmarkt, 1995

Everyone’s Child, 1996

The Puppeteer, 1996

Zimbabwe Birds, 1998

On the Border, 2000

Hard Earth – Land Rights in Zimbabwe, 2001

Ivory, 2001

Elephant People, 2002

Mother’s Day, 2004

High Hopes, 2004

Kare Kare Zvako, 2004

At the Water, 2005

Growing Stronger, 2005

Peretera Maneta, 2006

The Sharing Day, 2008

I Want a Wedding Dress, 2010

Ungochani, 2010

Nyami Nyami Amaji Abulozi, 2011

 

 

 

Das diesjährige Programm wird ca. 5 Wochen vor Beginn bekannt gegeben.

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