Salman Rushdie

Vor 20 Jahren markierte der so überraschend wie mitreißende Besuch von Salman Rushdie, der schon damals einer der prägendsten Erzähler des 20. und 21. Jahrhunderts war, den Beginn von Literatur im Nebel in Heidenreichstein. Ihm folgten mit Amos Oz, Jorge Semprún, Margaret Atwood, Hans Magnus Enzensberger, Nuruddin Farah, Ljudmila Ulitzkaja, Louis Begley, Ian McEwan, Christoph Hein, Swetlana Alexijewitsch, Herta Müller, J.M. Coetzee, Liao Yiwu, Vladimir Sorokin, Péter Nádas und Tsitsi Dangarembga weitere herausragende und mannigfach ausgezeichnete internationale Autorinnen und Autoren als Ehrengäste von „Literatur im Nebel“. Aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und kulturellen Zusammenhängen formen sie alle mit ihrem exzellenten Sensorium für gesellschaftspolitische Themen, genauester seismischer Beobachtungsgabe, einer unaufhörlichen Suche nach der menschlichen psychischen Verfasstheit und übergeordneten Zusammenhängen mit ihrer Kunst einen entscheidenden und bleibenden Beitrag zur Literatur.

Dass Salman Rushdie uns 2026 in Heidenreichstein erneut die Ehre gibt, ist ein „full circle moment“ für Literatur im Nebel, den wir gebührend feiern wollen.

Dem 1947 in Bombay geborenen und in England aufgewachsenen Autor gelang sein literarischer Durchbruch 1981 mit Midnight’s Children (Mitternachtskinder), einem magisch-realistischen Roman über die Geburt der modernen indischen Nation, der den Booker Prize gewann und später sogar zum „Best of the Booker“ gekürt wurde. Bereits hier zeigte sich, was sein Werk insgesamt auszeichnet: Die spielerische, oft satirische Auseinandersetzung mit Identität, Migration und kultureller Hybridität. Die Fülle und die Geschichten, die zwischen Fantasie, Vision und scharfem politischen Blick vazieren, sind legendär. Mit Shame (Scham und Schande) zwei Jahre später, einer allegorischen Erkundung pakistanischer Politik, führte er diese Themen weiter aus, bevor The Satanic Verses (Die satanischen Verse) 1988 eine weltweite Kontroverse auslöste. Die gegen ihn verhängte Fatwa zwang ihn über Jahre in ein Leben im Untergrund. Auch in dieser Extremsituation schrieb er weiter und veröffentlichte 1990 mit Haroun and the Sea of Stories (Harun und das Meer der Geschichten) eine märchenhafte und humorvolle Parabel  auf die Macht des Geschichtenerzählens. Rushdie experimentiert immer wieder mit neuen Stoffen: In The Moor’s Last Sigh (Des Mauren letzter Seufzer) 1995 und in The Ground Beneath Her Feet (Der Boden unter ihren Füßen) von 1999 verknüpfte er Familien- und Exilhistorien mit Kunst, Musik und der rasenden Globalisierung. Fury (Wut), 2001 erschienen, und Shalimar the Clown (Shalimar der Narr) von 2005 thematisierten urbane Wut, Terrorismus und die neuen Klüfte und Spannungen, die die globalisierte Welt mit sich bringt. The Enchantress of Florence (Die bezaubernde Florentinerin, 2008) verband das Italien der Renaissance mit dem Mogulreich, während in Luka and the Fire of Life (Luka und das Lebensfeuer, 2010) und in Two Years Eight Months and Twenty-Eight Nights (Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte) von 2015 Elemente aus Mythologie und Philosophie zu fantastischen Parabeln der Gegenwart verschmolzen. 2017 wandte sich Salman Rushdie in seinem Roman The Golden House (Golden House) mit den Mitteln der Satire den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der USA zu und in Quichotte, das in der deutschen Übersetzung denselben Titel trägt und eine moderne Variation des Don-Quijote-Stoffs darstellt, reflektierte er zwei Jahre später über Popkultur, Fake News, die Lage der Medien im Allgemeinen und die Fragmentierung der Wahrheit.

Das Attentat von 2022, bei dem Rushdie schwer verletzt wurde und ein Auge verlor, markierte einen dramatischen Einschnitt in seinem Leben, trotzdem blieb er literarisch aktiv. Seinem mythisch aufgeladenen Roman über Macht, Erinnerung und weibliche Autorität von 2023, Victory City (Victory City,) folgte seine 2024 veröffentlichte Autobiografie Knife; Meditations After an Attempted Murder (Knife; Gedanken nach einem Mordversuch), in der er die Attacke und seine Genesung aufarbeitet und über die Bedeutung und Bedingung von Kunst reflektiert. 2025 erscheint The eleventh hour (Die elfte Stunde), eine Sammlung von 5 Erzählungen, die thematisch um Vergänglichkeit, Tod und sich Erinnern kreisen.

Neben seinen Romanen prägen auch seine Essaysammlungen – etwa Imaginary Homelands (1991), Step Across This Line (Überschreiten Sie diese Grenze! Schriften 1992-2002) und Languages of Truth (Sprachen der Wahrheit.Texte 2003-2020) die Diskussion über Literatur, Politik, Exil und das Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne.

Salman Rushdies Werk ist getragen von der Überzeugung, dass Geschichten Räume der Freiheit eröffnen und Identität kein starres, sondern ein wandelbares, vielstimmiges Gefüge ist. Als Romancier, Essayist und öffentlicher Intellektueller gilt er bis heute als eine der einflussreichsten Stimmen für Meinungsfreiheit, kulturelle Vielfalt und die unerschöpfliche Kraft der Fiktion.

 

Biographie

1947 Geburt am 19. Juni in Bombay (Mumbai), Indien; Eltern: Anis Ahmad Rushdie (Geschäftsmann) und Negin Bhatt (Lehrerin).  Salman Rushdie wächst mit drei Schwestern in einer muslimisch‑liberalen Familie auf, besucht  verschiedene Schulen in Bombay.

1961 Übersiedlung nach England; Besuch der Rugby School.

1965–1968 Studium der Geschichte am King’s College, Cambridge; Abschluss M.A.

1970er Jahre Arbeit als Schauspieler, Journalist und Werbetexter in London; erste literarische Versuche.

1975  Veröffentlichung des Debütromans Grimus.

1976 Heirat mit Clarissa Luard; Sohn Zafar wird 1979 geboren.

1981 Midnight’s Children (Mitternachtskinder) ; Gewinn des Booker Prize und des James Tait Black Memorial Prize.

1983 Veröffentlichung von Shame (Scham und Schande); erneute Booker‑Prize-Nominierung.

1987  Sachbuch The Jaguar Smile (Das Lächeln des Jaguars, Eine Reise nach Nicaragua).

1988 Veröffentlichung von The Satanic Verses (Die satanischen Verse).

1988 Zweite Ehe: Heirat mit Marianne Wiggins; Trennung nach Beginn der Fatwa.

1989 Fatwa durch Ayatollah Khomeini; Beginn jahrelanger Schutzmaßnahmen und eines Lebens im Untergrund.

1990 Kinderbuch Haroun and the Sea of Stories (Harun und das Meer der Geschichten).

1991 Essayband Imaginary Homelands (Heimatländer der Phantasie. Essays und Kritiken 1981-1991).

1994 Erzählband East, West (Osten, Westen).

1995 Roman The Moor’s Last Sigh (Des Mauren letzter Seufzer).

1997  Veröffentlichung von The Ground Beneath Her Feet (Der Boden unter ihren Füßen).

1998 Offizielle Distanzierung Irans von der Fatwa; zunehmende Rückkehr ins öffentliche Leben.

1999 Dritte Ehe: Heirat mit Elizabeth West; Sohn Milan wird geboren.

2000er Jahre Salman Rushdie lebt überwiegend in New York.

2001 Roman Fury (Wut).

2002 Essayband Step Across This Line (Überschreiten Sie diese Grenze! Schriften 1992-2002)

2004 Scheidung von Elizabeth West.

2004 Vierte Ehe: Heirat mit der Schauspielerin und Autorin Padma Lakshmi, Scheidung  2007.

2005 Shalimar the Clown (Shalimar der Narr) erscheint.

2007  Ritterschlag durch Queen Elizabeth II (Knight Bachelor).

2008 Roman The Enchantress of Florence (Die bezaubernde Florentinerin); Midnight’s Children (Mitternachtskinder) wird „Best of the Booker“.

2010 Veröffentlichung Luka and the Fire of Life (Luka und das Lebensfeuer); Salman Rushdie wird Präsident des PEN American Center.

2012 Autobiografie Joseph Anton erscheint, die sein Leben in den Jahren der  Fatwa‑Jahren beschreibt.

2014 Auszeichnung mit dem Hans-Christian-Andersen-Literaturpreis.

2015 Two Years Eight Months and Twenty-Eight Nights (Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwangig Nächte erscheint.

2016 Salman Rushdie nimmt die US Staatsbürgerschaft an.

2017 The Golden House (Golden House) erscheint.

2019 Veröffentlichung des Romans Quichotte, der für die Booker‑Shortlist nominiert wird.

2020 Essayband Languages of Truth (Sprachen der Wahrheit, Texte 2003-2020).

2022 Salman Rushdie wird bei einem Messerangriff in New York schwer verletzt und erleidet in der Folge den Verlust des Sehvermögens auf einem Auge.

2022 Salman Rushdie erhält den PEN America Courage Award, wird Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.

2023 Salman Rushdie wird mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

2024 Veröffentlichung von Knife: Meditations After an Attempted Murder (Knife. Gedanken nach einem Mordversuch).

2025 The Eleventh Hour (Die elfte Stunde) erscheint. Salman Rushdie wird der Dayton Literary Peace Prize (Lifetime Achievement) verliehen.

Programm:

22. März 2026

17.00 - 19.30 KNIFE

  • Rede an Salman Rushdie
    Bundespräsident Alexander van der Bellen
  • Knife; das Attentat
    Es lesen: Dimitré Dinev, Raphaela Edelbauer, Natascha Gangl, Robert Menasse, Karin Peschka, Doron Rabinovici
  • Knife; über Religion und Kunst
    Es lesen: Anna Maschik, Bogdan Roščić, Franz Schuh
  • Salman Rushdie im Gespräch mit Peter Fässlacher

20.15 – 22.00 DIE ELFTE STUNDE

  • Saumselig
    Es liest: Michael Maertens
  • Vortrag von N.N.
  • Quichote
    Es lesen: Natascha Gangl, Roland Koch, Michael Wächter

23. März 2026


14.00 – 16.30 SPRACHEN DER WAHRHEIT

  • Die Anfänge eines Schriftstellers
    Es liest: Katja Riemann
  • Bernhard Robben Über das Übersetzen der Werke von Salman Rushdie
  • Wundersame Geschichte
    Es lesen: Katja Riemann und Robert Schindel
  • Golden House
    Stefan Bachmann, Simon Morzé, Maya Unger

17.15 – 19.00 JOSEPH ANTON

  • Joseph Anton
    Es liest: Michael Maertens
  • Salman Rushdie im Gespräch mit Katja Gasser
  • Knife
    Es lesen: Salman Rushdie und Erika Pluhar
  • Fragebogen
    Es lesen: Salman Rushdie und Katja Riemann
22. & 23. 03. 2026
22. & 23. 03. 2026

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